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Ernährung, Umwelt und Brustkrebs

Teil 3: Umwelt & Brustkrebs
 

Autoren: Dr. K. H. Adzersen, Prof. Ingrid Gerhard (Impressum)
Quellen: siehe Teil 4 (Referenzen)

Östrogenartige Verbindungen

In der Umwelt vorhandene, natürlicherweise aber nicht im menschlichen Körper vorkommende chemische Stoffe, die auf das weibliche Hormonsystem einwirken, nennt man Xenoöstrogene (fremde, von außen kommende Östrogene).

Zu der Gruppe der chemischen Stoffe, die auf das Hormonsystem des Menschen wirken können, gehören einige Pestizide und andere synthetisch hergestellte Stoffe, die in den letzten 50 Jahren weltweit Verbreitung fanden und teilweise noch finden. Einige Verbindungen, die als so genannte Hormonfunktionsunterbrecher (endocrine disruptors) wirken können, sind in Tab. 2 zusammengestellt.

Tab. 2: Östrogen wirksame Stoffe (Xenoöstrogene)

Chemische Klasse / Einzelstoffe

Vorkommen

o'p-DDT, DDE

Insektizid, Holzschutzmittel (in der Bundesrepublik seit 1974 verboten; in der ehemaligen DDR bis 1990 in großen Mengen eingesetzt)

Polychlorierte Biphenyle (PCB)

Kunststoffe, Fugendichtungen, Klebstoffe, Farben, Lacke, Pflanzenschutz, Schmier- und Getriebeöle, seit 1928 industriell hergestellt

p'p-Methoxychlor und -Metaboliten

Pestizid

Phenole

Seifen, Kosmetika, Weichmacher

Phtalate

Insektizide, Kosmetika, Parfüms, Deodorants, Kunststoff-Folien, Frischhaltefolien, Bodenbeläge, Weich-PVC

 

Pestizide, z. B. einige chlorierte Kohlenwasserstoffverbindungen, können durch Ankoppelung an Hormonrezeptoren hormonähnliche Wirkungen entfalten. Viele dieser Stoffe haben nicht nur eine östrogene, sondern auch eine anti-östrogene Wirkkomponente und greifen an unterschiedlichen Stellen in endokrine Regelkreise ein (Bradlow et al 1995). So haben polychlorierte Biphenyle (PCB) und DDT östrogenartige Wirkungen über den Östrogenrezeptor. Polychlorierte Biphenyle (PCB) sind allerdings auch in der Lage, gewebsspezifisch eine anti-östrogene Wirkung zu entfalten. DDE, das wichtigste Abbauprodukt von DDT im Körper, kann durch blockierendes Besetzen des männlichen Hormonrezeptors eine anti-androgene Wirkung ausüben und so das männlich-weibliche Funktionsgleichgewicht verändern. Xenoöstrogen können außerdem direkt die Erbsubstanz (DNA) schädigen.

Ob diese Substanzen das Brustkrebsrisiko tatsächlich verändern, ist nicht vollständig geklärt (Hunter et al 1997, Safe & Zacharewski 1997), jedoch sind die in unseren Nahrungsmitteln vorhandenen pflanzlichen Östrogene in millionenfach höheren Konzentrationen vorhanden als ((in den)) chemische((n)) Stoffe((n)) aus der Industrieproduktion. Der Vergleich von Konzentrationsuntersuchungen von DDT, DDE, HCB und einige PCB im Drüsengewebe bzw. in der Drüsenflüssigkeit von Brustkrebs-Patientinnen und gesunden Kontrollen ergaben widersprüchliche Ergebnisse (Archibeque-Engle et al 1997; Blackwood et al 1998; Guttes et al. 1998). Aufgrund der hormonähnlichen Wirkung dieser Substanzen wurde ein Zusammenhang mit der Zunahme der Brustkrebshäufigkeit diskutiert (Stellman et al 1998), jedoch sprechen neuere Studien eher für eine geringe Bedeutung bei der Entwicklung von Brusttumoren.

Der Hauptaufnahmepfad für die meist sehr fettlöslichen Fremdstoffe ist die Nahrung. Die durchschnittliche Ernährung in den westlichen Industriestaaten enthält in der Bilanz weit mehr natürliche pflanzliche Östrogene und Antiöstrogene als solche aus industriellen Quellen. Der Anteil von Xenoöstrogenen industrieller Herkunft beträgt etwa 0,0000025% der natürlichen östrogenartigen Verbindungen aus der täglichen Ernährung (Safe 1995). Nach heutigem Erkenntnisstand ist davon auszugehen, dass die mit der Nahrung aufgenommenen Pestizide und andere synthetische Verbindungen mit östrogener Wirkung nur in sehr geringem Maße zur Gesamtöstrogenwirkung auf das Brustgewebe beitragen (Safe 1998) und daher das Brustkrebsrisiko wenig beeinflussen.

Fazit

  • Die mit der Nahrung aufgenommenen östrogenartigen Pestizide tragen nicht entscheidend zur Gesamt-Östrogenwirkung bei.
  • Eine wesentlichen Beeinflussung der Brustkrebsentstehung durch diese Substanzen ist nicht anzunehmen.
  • Analysen von Blut und Brustgewebe von Brustkrebspatientinnen zeigen gegenüber brustgesunden Kontrollen keine erhöhten Pestizidwerte.
  • Aber: Bisherige Studien berücksichtigen weder die Aufnahme während kritischer Perioden der Brustentwicklung (Kindheit, Pubertät) noch die Gesamtanhäufung von Pestiziden im Körper (Safe 1998).

Ionisierende Strahlung (Röntgenuntersuchungen, Radioaktivität)

Prinzipiell kann jede Art von ionisierender Strahlung das Krebsrisiko in strahlenempfindlichen Geweben erhöhen. Brustdrüsengewebe gehört zu den besonders strahlensensiblen Geweben des Körpers. Brustkrebs gehört zu den Krebsformen, für die offizielle Risikoabschätzungen der Krebserzeugung durch Strahlung vorliegen. Bedeutende Einflussfaktoren für das Erkrankungsrisiko sind

  • Alter bei Bestrahlung
  • Vorherige voll ausgetragene Schwangerschaft

Röntgenuntersuchungen der Hals- und Brustwirbelsäule, Speiseröhren-, Magen-Darm-Röntgen, Nierenröntgen, computertomographische und nuklearmedizinische Untersuchungen mit radioaktiven Isotopen, bei denen das Brustgewebe einer ionisierenden Strahlung ausgesetzt ist, sollten im Kindesalter und während der Pubertät der Mädchen nur unter genauen und strengen medizinischen Indikationen durchgeführt werden: Untersuchung sollte medizinisch begründet sein und Konsequenzen für die Therapie haben (Adzersen 1992). Exposition der Brust mit ionisierender Strahlung führte bei Mädchen und kinderlosen Frauen unter 19 Jahren zu einer Zunahme der Häufigkeit von Brustkrebs, wohingegen dieser Effekt nicht bei Frauen auftrat, die bereits einmal schwanger waren oder gestillt hatten (Russo und Russo 1987). Nach dem 40. Lebensjahr ist das Risiko, durch ionisierende Strahlen ein Mammakarzinom auszulösen, gering (Boice et al 1996).

Fazit

  • Hohe Empfindlichkeit der weiblichen Brust für die Erzeugung von Brustkrebs durch ionisierende Strahlung vor und während der Pubertät.
  • Erhöhte Strahlenempfindlichkeit bis zu einer ersten, voll ausgetragenen Schwangerschaft mit Stillen.
  • Geringes Risiko bei Strahlenbelastung nach dem 40. Lebensjahr.

Rauchen

Epidemiologische Studien zu Brustkrebs und Rauchen haben keine schlüssigen Ergebnisse hervorgebracht. Unterschiedliche Untersuchungen von Rauchen in Bezug auf Brustkrebs zeigen, dass mit Rauchen von Zigaretten eine Risikosenkung (Gammon et al 1998), kein Einfluss und oder eine Steigerung des Brustkrebsrisikos verbunden sein kann (Lash & Aschengrau 1999). Rauchen geht mit einem frühen Eintritt der Wechseljahre, weniger Endometriose, weniger Gebärmutterschleimhautkrebs und geringerer Häufigkeit von Myomen einher. Diese Befunde sprechen am ehesten für niedrigere Östrogenkonzentrationen bei Raucherinnen gegenüber Nichtraucherinnen und können einen risikosenkenden Effekt plausibel machen. Die Bedeutung des Zigarettenrauchens für die Brustkrebsentstehung erscheint durch Untersuchungen zum Einfluss von genetischen Anlagen (Polymorphismen) in einem neuen Licht. Zigarettenrauchprodukte können bestimmte Enzymsysteme im Körper anregen, die z. B. die Abbaugeschwindigkeit von Östrogen erhöhen und so zu einer insgesamt niedrigerem Spiegel führen können (Millikan et al 1998; Gertig et al 1999). Die Erzeugung von Brustkrebs kann hierdurch sowohl abgeschwächt wie verstärkt werden. Große US-amerikanische und kanadische Studien zeigen, dass der Lebensphase, in der eine Frau zu rauchen beginnt, eine Bedeutung zukommt. Das Risiko scheint erhöht für Frauen, die bereits vor dem 16. Lebensjahr rauchten. Dies könnte darauf hindeuten, dass mutationserzeugende Wirkung((en)) durch Rauchinhaltsstoffe (polyzyklische Kohlenwasserstoffe, Nitrosamine, etc.) in einer sensiblen, stark teilungsaktiven Phase der Brustentwicklung zum Tragen kommen (Calle et al. 1994).

Zusammenfassend ist nach dem Stand des heutigen Wissens nicht davon auszugehen, dass Rauchen das Risiko für die Entstehung von Brustkrebs wesentlich beeinflusst. Dies darf natürlich unter keinen Umständen als ein Argument dafür aufgefasst werden, nicht das Rauchen aufzugeben oder dessen Gefahren zu verharmlosen. Mit Tabak sind die eindeutigsten Krebsgefahren verbunden, und inzwischen hat Lungenkrebs bei Frauen in den USA Brustkrebs als Krebstodesursache vom ersten Platz verdrängt.

Fazit

  • Einfluss des Rauchens auf das Brustkrebsrisiko ist nicht endgültig geklärt.
  • Rauchen vor dem 16. Lebensjahr, also während der Pubertät, erhöht möglicherweise das Brustkrebsrisiko. 

Stand: 26.06.2004

>> weiter zu Teil 4: Einzelne Ernährungsfaktoren


Weitere Themen im Kapitel Risikofaktoren und Prävention:

  Umwelt Ernährung und Brustkrebs:
Risikofaktoren, Vermeidung ("Vorsorge")

  Hormontherapie in den Wechseljahren:
Die Erhöhung des Brustkrebsrisikos durch längere Einnahme von Hormonen in den Wechseljahren ist erwiesen.

  Familiärer Brustkrebs:
Es gibt eine familiäre "Belastung" durch Verwandte ersten Grades für Brustkrebs und Eierstockkrebs. ln seltenen Fällen ist eine Veränderung der sog. Brustkrebsgene dafür verantwortlich. Das kann man heutzutage untersuchen, wenn mehrere Verwandte ersten Grades erkrankt sind. Eine ausführliche Beratung ist erforderlich.

 
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