Mammographie-Screening:
Warum überschätzen wir den Nutzen?
Autoren: Dr. H.-J. Koubenec, Dr. U. Hoffrage (Impressum)
Quelle: Poster Senologie 2000, Ch-Lugano 5/2000
Mammasprechstunde Krankenhaus Berlin-Moabit, Max-Planck-Institut für Bildungsforschung, Berlin
In Deutschland, Österreich
und der Schweiz ist ein qualitätsgesichertes
Mammographie-Screening Programm nicht etabliert.
Dennoch werden in Deutschland jährlich 3-4
Millionen gesunde Frauen mit fiktiven Diagnosen
zum sog. "verdeckten" Screening
geschickt.
Patienten und Ärzte
glauben: Fast alle Karzinome werden dabei
gefunden.
Bei positiver Mammographie liegt
meist Brustkrebs vor.
Bei Gesunden ist die Mammographie
negativ.
Stimmt das tatsächlich?
Ein Beispiel:
Eine 50-jährige symptomlose Frau nimmt an einem
Brustkrebs-Screening teil. Sie erhält einen
malignomsuspekten Mammographie-Befund.
Sie haben noch folgende Informationen:
Prävalenz: 0,8%
Sensitivität Mammographie: 90%
Spezifität Mammographie: 94%
Mit
welcher Wahrscheinlichkeit hat diese Frau
tatsächlich Brustkrebs?
Bitte schätzen
Sie, und klicken Sie hier für die Lösung.
Wenn Sie sich
geirrt haben sollten, befinden Sie sich in guter
Gesellschaft, denn bei einer Studie in den USA
schätzten 95% der befragten Ärzte die
Wahrscheinlichkeit, dass diese Frau Brustkrebs
habe, auf 70 - 80%.
Die Literatur zeigt, dass auch wir Ärzte große
Schwierigkeiten haben, den positiven prädiktiven
Wert eines Tests richtig einzuschätzen. Die
statistischen Zusammenhänge können leichter
nachvollzogen werden und die Information besser
eingeschätzt werden, wenn sie nicht - wie
üblich - in Wahrscheinlichkeiten, sondern
in natürlichen Häufigkeiten gegben werden:
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Prävalenz: 8 von 1000
(B/A) = 0,8%
Sensitivität: 7 von 8 (D/B) = ca. 90%
Spezifität: 929 von 992 (G/C) = 94%
Positiver
prädiktiver Wert (positive predictive value,
ppV): D/(D+F) = 10%
Ein weiteres Beispiel dafür, wie die Art
(Format) der angebotenen Information unser Denken
und unsere Entscheidungsfindung beeinflussen
kann:
Mammographie-Screening senkt die
Brustkrebssterblichkeit um ca. 20-30%. Wir
denken, das sei sehr viel, und so überweisen vor
allem Gynäkologen Frauen jährlich zu mehreren
Millionen verdeckten Screening-Mammographien.
Tatsächlich, so ergaben verschiedene Studien,
müssen beim nicht qualitätsgesicherten
Screening 1000 Frauen zehn Jahre lang teilnehmen,
um die eine Frau unter ihnen zu finden, die durch
das Screening gerettet werden kann:
Ohne |
Mit |
|
| Gesamtzahl der Frauen | 1000 | 1000 |
| Beobachtungszeitraum (Jahre) | 10 | 10 |
| Sceening-Mammographien | - | 5000 |
| Mortalität Brustkrebs | 4 | 3 |
Unterschied |
||
| Senkung der Sterblichkeit (Relativ-%) | 25% |
|
| Senkung der Sterblichkeit (Absolut-%) | 0,1% |
Tatsächlich ist das bei einer absoluten
Sterblichkeit von 4 auf 1000 Frauen über eine
Zeitraum von zehn Jahren eine Reduktion um 25%.
Dieselbe Information kann man aber auch anders
darstellen:
Mammographie-Screening senkt die Brustkrebssterblichkeit um 0,1%.
Beide Angaben sind dieselben: einmal in
Relativ-Prozent (1 von 4 = 25%) und das zweite
Mal in Absolut-Prozent (1 von 1000 = 0,1%). Bei
Prozentangaben wird in der Regel der Bezug
verschwiegen, und dem %-Zeichen alleine läßt
sich nicht ansehen, ob Relativ-Prozente oder
Absolut-Prozente verwendet worden sind. Ob
Risiken und Nutzen in (hohen) Relativ-Prozenten
oder in (niedrigen) Absolut-Prozenten
kommuniziert werden, hängt zumeist von den
Intentionen dessen ab, der sie darstellt.
Gibt es eine "richtige" Darstellungsart?
Wie beim positiven
Vorhersagewert, würde auch hier eine Darstellung
in natürlichen Häufigkeiten dazu beitragen, den
richtigen Bezug herzustellen und damit den Zahlen
die richtige Botschaft zu entnehmen: Für eine ganz
normale Frau, die sich als eine unter 1000
Screening-Teilnehmerrinnen sehen muss, wäre die absolute
Senkung der Sterblichkeit von 0,1% (1 von 1000)
der relevante Wert.
Die praktische
Bedeutung liegt darin, unser Urteilen beim
täglichem Umgang mit Untersuchungsbefunden zu
verbessern.
Stand: 16.06.2004
