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Hormontherapie nach den Wechseljahren

Quelle: Berliner Ärzte 4/2003

Hormontherapie - Das Ende des "Jungbrunnens"

Neue Studien leiten Umdenken unter Frauenärzten ein

Manchmal sind es scheinbar kleine Dinge, an denen man merkt, dass etwas Einschneidendes passiert sein muss. Zum Beispiel, wenn Menschen plötzlich Begriffe nicht mehr verwenden, die ihnen längst in Fleisch und Blut eingegangen sind. Wer beispielsweise die Ende Februar veröffentlichte Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe zur Gabe von Hormonen an Frauen nach den Wechseljahren durchsucht, findet nirgendwo mehr den Namen, den diese Therapie eigentlich seit über 30 Jahren trägt: "Hormonersatztherapie" hieß sie bislang griffig. Und das "Ersatz" im Namen war Programm: Frauen, die nach den Wechseljahren Östrogene nehmen, könnten nicht nur Beschwerden lindern, so der bis vor kurzem von vielen Ärzten akzeptierte Glaube.

Autor:  Klaus Koch, Dipl. Biol., Medizinjounalist, www.evibase.de

Was der Berufverband der Frauenärzte (Landesverband Niedersachsen) im September letzten Jahres in einer Pressemitteilung behauptete, entsprach der tiefen Überzeugung mancher Ärzte: "Wechseljahre sind eine Krankheit und nicht natürlich. Sie sind von Menschenhand geschaffen. [...] Eine Hormonersatzbehandlung bedeutet daher eine Zurückversetzung der Frau in ihren Naturzustand." Wer diese Ansicht hat, für den ist die "Substitution" so logisch, wie die Gabe von Insulin bei einem Diabetiker. "Ersetzen, was fehlt", lautete eben das Motto - und das am besten ein Leben lang.

Doch der Einschnitt passierte dann im Juli letzten Jahres. In den USA war ein Teil der bislang größten Studie zur Hormontherapie an 16.000 Frauen abgebrochen worden. In einem Teilprojekt der Women's Health Initiative (WHI) war das genaue Gegenteil dessen passiert, was Fachleute vorhergesagt hatten. Bei der Hälfte der Frauen, die fünf Jahre lang eine Östrogen-Gestagen-Kombination zur Vorbeugung gegen Alterskrankheiten eingenommen hatten, war der Nutzen so klein, dass die Risiken überwogen hatten: Entgegen der Vorhersage der Experten hatte die Rate der Herzinfarkte und Schlaganfälle nicht ab-, sondern leicht zugenommen; auch das Brustkrebsrisiko war angestiegen.

Zwar war die Zahl der Hüftfrakturen und Kolonkarzinome etwas gesunken, doch die Gesamtbilanz war negativ: Ungefähr eine von 100 Frauen, die fünf Jahre das Hormonmedikament genommen hatten, hatte durch die Therapie zusätzlich eine Komplikation erlitten, statt eine zu vermeiden. Das Fazit der US-Ärzte war eindeutig: Hormone sollten nicht zur Vorbeugung eingesetzt werden.

Verunsicherung in der Ärzteschaft

Es war nicht die einzige schlechte Nachricht der letzten Jahre zur Hormontherapie. Doch der Abbruch der Mammut-Studie hatte eine solche Sprengkraft, dass nun weltweit die Bewertung der Therapie kippte. Zuerst mahnten US-Fachgesellschaften zur Vorsicht, andere internationale Gremien folgten. Dann reagierten die Arzneimittelbehörden: Die FDA will jetzt wegen der Risiken verschärfte Warnhinweise in allen Östrogen-Präparaten für postmenopausale Frauen durchsetzen. Auch in Deutschland plant das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte im Rahmen eines Stufenplanverfahrens, die Indikationen für Östrogen-Medikamente einzuschränken.

Und auch die Empfehlung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), die als Konsens von einem Dutzend deutscher Experten verfasst ist, vollzog im Februar diese Wende. "Die Hormontherapie ist nicht zur Primär- und Sekundärprävention der koronaren Herzkrankheit und des Schlaganfalls geeignet", sagt Prof. Olaf Ortmann von der Universität Lübeck, der die Federführung bei den Konsensgesprächen hatte.

Doch die Frage ist, wie dieser Wechsel bei den niedergelassenen Ärzten ankommt.

"In der Ärzteschaft herrscht erhebliche Verunsicherung", beobachtet Dr. Beate-Schultz-Zehnden vom Zentrum für Human- und Gesundheitswissenschaften der Berliner Hochschulmedizin. Manche haben den Wandel bereits vollzogen. "Für mich ist die Hormonbehandlung zu einer Therapie geworden wie jede andere", sagt die in Berlin niedergelassene Gynäkologin Dr. Regina Lutterbeck. Also zu einer Therapie, die bei der vorsichtigen Auswahl der Patientinnen, eine positive Bilanz aufweisen kann.

Behandlungsdauer so kurz wie möglich

Dabei geht es um Frauen mit Wechseljahrsbeschwerden. Auch die DGGG-Empfehlungen betonen, dass "der Nutzen der HT zur Behandlung vasomotorischer Symptome unumstritten" ist. Aber die Behandlungsdauer sollte so kurz wie möglich sein, denn mit zunehmender langfristiger Einnahme steigen die Risiken für Schlaganfälle und Herzinfarkte, zudem würden Mamma-, Ovarial- und Endometriumkarzinome gefördert, sagt Ortmann.

Das bedeutet, dass die Therapie bei zu unkritischem und zu langem Einsatz mehr Schaden als Nutzen anrichten kann. Antje Blankau, niedergelassene Gynäkologin in Berlin: "Wenn eine Frau ausgeprägte Beschwerden hat, dann ist nach gründlicher Beratung eine Hormontherapie durchaus möglich. Aber ich spreche regelmäßig Auslassversuche mit den Frauen ab."

"Wir gehen jetzt schon anders mit der Therapie um", sagt auch Prof. Horst Lübbert vom Universitätsklinikum Benjamin Franklin. Ein Zehntel seiner Patientinnen hätten die Hormone abgesetzt, "bei etwa einem weiteren Drittel haben wir die Dosis deutlich verringert".

Doch nicht alle wollen sich schon von der alten These trennen, dass Hormone die "wahre" Natur der Frauen bewahren. "Die Bedeutung der WHI-Studie wird von vielen überbewertet. Die Ergebnisse können nicht ohne weiteres auf die in Deutschland übliche Behandlungspraxis übertragen werden", sagt Dr. Albrecht Scheffler, Vorsitzender des Berufsverbands der Frauenärzte in Berlin. Mit dieser Einschätzung kann sich Scheffler durchaus auf einige prominente deutsche Gynäkologen stützen. Gerade jene Meinungsbildner, die in den letzten Jahren die Prävention durch Hormone als unzweifelhaft betont haben, versuchen derzeit, sich der zunehmenden Skepsis entgegenzustemmen. Und wer die Verteidigungen liest, spürt, dass im Umgang mit der Hormontherapie einiges an Emotionen im Spiel ist.

Das ist kein Wunder. Denn bei der Frage, wie nützlich Hormone sind, geht es längst nicht mehr nur um die nüchterne Diskussion von Studien. Die Hormontherapie ist zu einem Beispiel geworden, wie untrennbar bei der Bewertung von Therapien wissenschaftliche Unsicherheiten verwoben sind mit Hoffnungen und Wünschen einerseits und mit handfesten wirtschaftlichen Interessen von Industrie und Ärzten andererseits.

Praktisch, Patientin kommt jedes Quartal

Bei der Hormontherapie geht es für die Industrie um einen riesigen Markt. Östrogene gehören zu den am häufigsten verordneten Medikamenten. Etwa eine Milliarde Tagesdosen im Wert von über 300 Millionen Euro haben deutsche Ärzte laut Arzneimittelreport im Jahr 2001 allein auf Kassenrezept verschrieben; schätzungsweise vier bis fünf Millionen Frauen wurden damit behandelt. Kein Wunder also, dass nach Hamburger Daten fast jede zweite deutsche Frau im Alter zwischen 55 und 60 Jahren Hormone nimmt. Und viele tun das länger als fünf oder zehn Jahre.

Wegen dieser Verbreitung und Dauer der Therapie haben Hormone auch für das Einkommen vor allem von niedergelassenen Gynäkologen Bedeutung. "Wenn ein Patient langfristig Medikamente nimmt, dann kommt er jedes Quartal, um ein neues Rezept zu holen", sagt Antje Blankau, "das macht einen spürbaren Teil des Umsatzes aus." Und umgekehrt: Wenn Frauen nun seltener und kürzer Hormone nehmen sollten, droht ein Teil der Patientinnen auszubleiben.

Neuorientierung kostet Kraft

Doch wichtiger als die Angst vor Umsatzverlusten ist bei vielen Gynäkologen vermutlich die tiefe persönliche Enttäuschung, die sie verarbeiten müssen: Die Überzeugung, dass Hormone zum besten Schutz vor Alterskrankheiten gehören, hat sich tief in das Selbstverständnis - vor allem älterer - Gynäkologen eingegraben, beschreibt Lübbert. Seit Jahren haben sie ihre Patientinnen im festen Glauben beraten, es gäbe keine Zweifel am Nutzen der Präparate. Und diese Überzeugung nährte auch die angenehme Gewissheit, seinen Patientinnen etwas Gutes zu tun.

Mit den negativen Studienergebnissen ist diese Sicherheit nun in ernste Zweifel umgeschlagen, den Frauen möglicherweise sogar eher geschadet zu haben. Kein Wunder also, dass es manchem Gynäkologen ausgesprochen schwer fällt, die neue Unsicherheit zu akzeptieren. "Ein Stück weit geht es auch mir so", räumt Lübbert offen ein: "Es kostet Kraft, seinen Patientinnen jetzt zu sagen, dass wir zu optimistisch waren."

Euphorie der 60er....

Das spiegelt sich auch im Verhalten der Meinungsbildner wider: "Für sie steht auch die Glaubwürdigkeit gegenüber den niedergelassenen Ärzten auf dem Spiel", beobachtet Lutterbeck. Tatsächlich spielen Meinungsbildner auch eine Schlüsselrolle, wenn man verstehen will, wie die euphorische Bewertung der Hormontherapie entstanden ist.

Begonnen hatte die Verzerrung der Wahrnehmung bereits in den 60er Jahren. Den ersten Schub hatte der Östrogen-Legende 1963 der US-Arzt Robert Wilson versetzt: "Das Schicksal nicht behandelter postmenopausaler Frauen: Ein Plädoyer für die Erhaltung adäquater Östrogen-Spiegel von der Pubertät bis zum Grab", hieß der Titel eines Artikels, in dem Wilson Frauen nach den Wechseljahren als Hexen darstellte, gebückt und von der Umwelt ignoriert. Für den Arzt waren Hormone die Wunderdroge, die den Niedergang verhindern konnten.

...ist Ernüchterung gewichen

Und tatsächlich stützen in den 70er und 80er Jahren viele Beobachtungsstudien den Glauben, dass Hormone Frauen vor Alterskrankheiten schützen könnten - wenn auch zum Preis eines erhöhten Brustkrebsrisikos. Vergleiche zeigten beispielsweise, dass Frauen, die Hormone einnahmen, seltener an Herzinfarkten erkrankten, als Frauen, die das nicht taten.

"Eine der schmerzlichen Lektionen ist, dass wir jetzt einsehen müssen, dass wir die Verlässlichkeit dieser Beobachtungsstudien überschätzt haben", sagt Lübbert. Das lag unter anderem daran, dass die Frauen selbst entschieden haben, ob sie Hormone nehmen oder nicht. Heute ist klar, dass Frauen, die freiwillig Hormone nehmen, wohlhabender und generell gesundheitsbewusster sind und wohl schon aus diesem Grund seltener oder später an Herzinfarkten erkranken.

Hinzu kommt, dass diese Studien vor allem Frauen beobachtet haben, die schon einige Jahre Hormone nehmen und dadurch übersehen haben, dass viele Therapie-bedingte Thromboembolien und Herzinfarkte gerade in den ersten Jahren nach Beginn der Einnahme passieren.

Bezeichnend ist aber, dass diese wissenschaftlich gut fundierten Zweifel von vielen Gynäkologen als nebensächlich abgetan wurden. Zu verlockend war die Idee, Frauen durch Östrogene gesund (und schön) halten zu können. "Die durch eine langzeitige Östrogenverabreichung möglich gewordene weitgehende Verhütung der Spätfolgen eines Östrogenmangels (wie der Osteoporosefrakturen, des Herzinfarktes und des Schlaganfalls) ist sicherlich einer der wichtigsten Fortschritte der präventiven Medizin des letzten Jahrzehnts", formulierte 1996 der Ulmer Frauenarzt Prof. Christian Lauritzen, der die Gynäkologen in Deutschland über Jahre hinweg maßgeblich geprägt hat.

Enge Kontakte zur Industrie

Dass die Befürworter der Hormontherapie die Meinungshoheit gewinnen konnten, lag freilich nicht nur an der Verlockung der Argumente, sondern auch an der Häufigkeit der Wiederholung. Denn im Hintergrund sorgte die Pharmaindustrie dafür, dass vor allem die "richtigen" Experten zu Wort kamen und gehört wurden. Dabei ist es keineswegs die Regel, dass die Industrie Experten kauft, also dafür bezahlt, dass sie eine bestimmte Meinung vertreten. Alles was die Firmen tun, ist aus dem Spektrum der Fachleute und Meinungen jene gezielt zu fördern, die für die Vermarktung der eigenen Produkte am förderlichsten sind. Zum Problem wird dieser Einfluss, wenn er dazu führt, dass gute, aber unangenehme wissenschaftliche Argumente gezielt unterdrückt und ausgegrenzt werden.

Die führenden internationalen Medizinjournale haben sich bereits damit abgefunden, dass es praktisch keinen Experten gibt, der wirklich unabhängig und frei von Interessenskonflikten ist. Die Fachzeitschriften sehen nur Transparenz als Ausweg: Experten müssen ihre Interessenkonflikte aufdecken, dann kann sich jeder Leser seine eigene Meinung bilden, ob er die Empfehlungen für glaubwürdig hält oder nicht.

Auch die führenden deutschen Hormonexperten haben solch enge Verbindung zur Industrie. Es gibt in Deutschland praktisch keinen Hormon-Experten, der nicht bereits Geld von der Pharmaindustrie erhalten hat. Ein kleiner Zirkel, der "Züricher Gesprächskreis", lässt sich alljährlich von einer wechselnden Firma in ein exquisites Hotel einladen und diskutiert da über Empfehlungen, die anschließend in Fachzeitschriften veröffentlich werden. Zudem ist es eher die Regel als die Ausnahme, dass Meinungsbildner gut bezahlte Vorträge auf Marketing-Veranstaltungen der Pharmaindustrie halten.

Die Kontakte zu wohlmeinenden Meinungsbildnern nutzt die Industrie gerade in Krisenzeiten aus, um den Verlauf von öffentlichen Diskussionen gezielt zu beeinflussen. Ein Exempel lieferte die Stellungnahme von Prof. Alexander Teichmann, dem Vorsitzenden der Arbeitsgruppe "Steroide in Kontrazeption und Substitution" (SIKUS) im Bundesverband der Frauenärzte. Kurz nach dem Bekanntwerden der WHI-Daten im Juli letzten Jahres hat Teichmann als einer der ersten deutschen Experten ein Fax an mehrere Tausend Mitglieder des Berufsverbandes geschickt, das die Bedeutung der Studien herunterspielte. Doch in den Wochen nach Veröffentlichung seiner Stellungnahme musste Teichmann nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien einräumen, dass eine angeblich in seinem Namen verfasste und versandte "Patienteninformation" nicht aus seiner Feder stammte, sondern vom Hormonproduzenten Schering erstellt worden war. Teichmann streitet ab, seine eigentliche Stellungnahme inhaltlich mit der Firma abgestimmt zu haben. Er fühlt sich durch die Presseberichte diffamiert.

Wie soll man also diese enge Kooperation bewerten? Die Ansichten sind gespalten: Manche Ärzte sehen das eigentliche Fehlverhalten bei der Presse, die über die Aktion berichtet hat. Für andere aber ist die Affäre ein Symptom eines generellen Verlustes von Unabhängigkeit. "Ich glaube, dass es solche engen Kooperationen heute in allen Bereichen der Medizin gibt", sagt Blankau.

Nächste Studie mit Spannung erwartet

Allerdings hat die öffentliche Diskussion um den Einfluss der Pharmafirmen den Streit um die wissenschaftliche Bewertung der Hormontherapie noch zusätzlich angeheizt. Und der wird wohl noch einige Zeit andauern. Denn auch wenn die WHI-Studie die bislang größte Studie war, gibt sie längst nicht auf alle Fragen Antworten. Mit Spannung wird erwartet, welche Ergebnisse ein zweiter, kleinerer Teil der WHI-Studie liefert, in der Östrogene alleine, also nicht in Kombination mit Gestagenen erprobt werden. Dieser Teil läuft derzeit weiter, Ergebnisse werden spätestens 2005 erwartet.

Doch schon jetzt hat ein Teil der Frauenärzte einen fundamentalen Wechsel vollzogen. Bislang galt: Die langfristige Hormontherapie ist nützlich, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist. "Die Beweispflicht hat sich nun umgedreht", sagt Lutterbeck: "Wer jetzt behauptet, irgendein anderes Hormon-Präparat schneide besser ab als die in den USA erprobte Kombination, muss dafür verlässliche Studien als Beweis vorlegen."

Verfasser:
Klaus Koch (Medizinjournalist)
kk@evibase.de

 

Die Wandlung einer Hypothese

Für eine gute Präventionsmaßnahme gegen Herzinfarkte gilt: Je höher das Risiko der Zielgruppe ist, desto leichter ist die Wirksamkeit nachzuweisen. Statine etwa wirken am effektivsten bei Koronarkranken und Herzinfarktopfern, deren Gefäße schon massiv von Atherosklerose betroffen sind. Bis Ende der 90er Jahre nahmen Frauenärzte an, dass diese Regel auch für Östrogene gilt.

Als jedoch 1998 eine US-Hormon-Studie ("Hers") an herzkranken Frauen negativ ausging, modifizierten die Experten ihre Hypothese: Wenn die Gefäße einmal geschädigt sind, können Östrogene nicht mehr wirken, hieß es nun. Der Nutzen der Hormone werde sich an gesunden Frauen beweisen. Als dann im Juli 2002 die Ergebnisse der WHI-Studie an 16.000 meist gesunden Frauen, darunter 5500 im Alter zwischen 50 und 60, diese Vorhersage erneut nicht bestätigte, wurde die Hypothese wieder umformuliert.

Östrogene, so die aktuelle Version, können nur dann vorbeugend wirken, wenn Frauen ohne Risikofaktoren für eine koronare Herzkrankheit und mit intakten Gefäßen sie gleich mit Beginn der Wechseljahre nehmen und es also gar nicht erst zu einem längerem Absinken der Hormonspiegel kommt.

Doch selbst wenn diese These stimmen sollte, zeigt eine einfache Abschätzung, dass sie kaum praktische Bedeutung haben würde: Denn eben jene Frauen, die keinerlei Risikofaktoren für eine koronare Herzkrankheit haben, bekommen auch ohne Hormone selten einen Herzinfarkt.

Nach den Daten der Procam-Studie müssen von 1000 gesunden 50-jährigen Frauen innerhalb der nächsten zehn Jahre etwa zehn bis 20 Frauen mit einem Infarkt rechnen. Mit anderen Worten: Sollte die Hypothese zutreffen und Hormone die Hälfte dieser Infarkte vermeiden, müssten 1000 Frauen ein Jahrzehnt lang Hormone einnehmen, um fünf bis zehn Infarkte zu vermeiden. Andererseits müssten alle 1000 Frauen das mit einer 10-jährigen Therapie verbundene Risiko von Thromboembolien und Brustkrebs in Kauf nehmen. Schon wenige dieser schweren Nebenwirkungen würden den geringen Nutzen also zunichte machen. Die aktuelle Version der Östrogen-Hypothese mag stimmen oder nicht: Sie kann kaum als rationale Grundlage für eine langfristige Hormontherapie dienen. Bewiesen ist sie ohnehin nicht. Koch

 

Pflanzenhormone gegen Wechseljahrsbeschwerden in der Kritik

Autor:  Klaus Koch, Dipl. Biol., Medizinjounalist, www.evibase.de
Quelle: SZ 20.11.2001

"Probieren Sie’s mit Soja." Solche Slogans erwartet man eigentlich nur in Werbeprospekten. Doch der Aufruf zur Bohne findet sich auch in der Ärztlichen Praxis, einer Zeitung für Mediziner. Die Pflanze lindere nicht nur Wechseljahrsbeschwerden, verspricht das Blatt in seinem Online-Ableger: "Besonderer Pluspunkt: Soja und Co. beugen auch Osteoporose und Brustkrebs vor."

Mit solchen Behauptungen liegt die Zeitung im Trend. Extrakte aus Soja und Rotklee haben sich bei Ärzten wie Patienten einen Ruf als natürliche Mittel erworben. Sie enthalten Substanzen, die dem weiblichen Hormon Östrogen ähneln. Die "Phyto-Östrogene" sollen Wechseljahrsbeschwerden lindern, die jede dritte Frau spürt, wenn mit etwa 50 Jahren die körpereigene Östrogen-Produktion nachlässt. Zu konventionellen Östrogen-Präparaten, die etwa gegen Hitzewallungen helfen können, will nicht jede Betroffene greifen: Manche Frauen vertragen die Hormonersatztherapie nicht, andere befürchten Nebenwirkungen.

Hersteller von Phyto-Östrogenen nutzen das aus. Sie setzen auf das sanfte Image der Pflanzenmedizin. "Das Tolle an diesen Stoffen: Sie schützen ohne den Körper einem Risiko auszusetzen", verspricht auch die Ärztliche Praxis. Dabei macht es bei der Wirkung eines Stoffes keinen Unterschied, woher er kommt. "Im Körper können Phyto-Östrogene dieselben Wirkungen und Nebenwirkungen haben wie synthetische Substanzen", so Wolfgang Wuttke, Hormonspezialist an der Universität Göttingen. Er gehört zu einer Gruppe von Forschern, die Pflanzenhormonen positive Wirkungen zutraut: "Verlässliche Beweise, dass sie die Gesundheit verbessern, haben wir aber noch keine", sagt er und ergänzt: "Einige Phyto-Östrogene könnten schaden."

In den letzten Jahren haben Ärzte erkannt, dass sie die positive Wirkung konventioneller Östrogene möglicherweise überschätzen, weil es kaum aussagekräftige Studien gibt (SZ, 31.7.2001). Das droht auch den Phyto-Östrogenen, die noch schlechter getestet sind. Der gesunde Ruf von Soja beruht auf zum Teil 15 Jahre alten Vergleichen: Japanerinnen leiden seltener als Amerikanerinnen unter Menopause-Beschwerden und Brustkrebs. Das führen Soja-Fans darauf zurück, dass Japanerinnen mehr Produkte aus der Bohne verzehren - übersehen dabei aber andere Unterscheide in der Lebensweise. Zudem waren Studien, in denen Phyto-Östrogene gegen Wechseljahrssymptome erprobt wurden, enttäuschend. "Ein relevanter Einfluss auf Hitzewallungen lässt sich nicht ableiten", so das pharmakritische arznei-telegramm (Bd.32, S. 110, 2001).

Auch Labor- und Tierversuche, die die positiven Wirkungen belegen sollten, sorgen eher für Verwirrung. Das gilt besonders für das "Genistein", eines der wichtigsten Phyto-Östrogene der Sojabohne, das auch in Rotklee-Extrakten enthalten ist. Jüngste Experimente von William Helferich von der University of Illinois geben sogar Anlass zu Warnungen. Die Forscher haben rund 60 Mäuseweibchen die Östrogen-produzierenden Eierstöcke entfernt und ihnen menschliche Brustkrebszellen eingepflanzt. 40 Tieren haben sie fast ein halbes Jahr lang Soja-Genistein ins Futter gemischt. Im Blut der Mäuse stieg die Konzentration des Phyto-Östrogens auf Werte, wie sie auch Frauen erreichen, die Soja-Extrakte einnehmen.

Zwiespältiges Bild

Ohne Zufuhr der Hormone verkümmerten die Krebszellen. Doch wenn die Tiere mit Genistein gefüttert wurden, wuchsen die Zellen schnell zu Tumoren (Journal of Nutrition, Bd.131, S.2957, 2001). "Man darf solche Tierversuche nicht überbewerten", sagt Wuttke, "aber sie fügen sich in das zwiespältige Bild, das wir von Genistein haben. Möglich ist, dass das Phyto-Östrogen bei manchen Frauen Brustkrebswachstum bremst, bei anderen aber fördert." Eventuell überwiegt vor den Wechseljahren der positive, danach der negative Effekt.

Frauen mit Brustkrebs warnt Helferich explizit vor der Einnahme von Soja-Extrakten, "insbesondere nach den Wechseljahren". Auch könnte Genistein die Wirkung von Tamoxifen, einem gängigen Krebs-Mittel, abschwächen, so Wuttke. Dennoch sind in Deutschland Soja-Produkte wie "Orthomol Flavon F" im Handel, die damit angepriesen werden, sie seien"auf die Ernährungserfordernisse von Frauen mit Brustkrebs abgestimmt". "Betroffenen ist von der Einnahme dringend abzuraten", urteilt das arznei-telegramm über derartige Produkte. Ausweg aus der Unsicherheit über Nutzen und Risiken bieten nur Studien, die die Pflanzenhormone an zahlreichen Frauen erproben. Wuttke: "Solange es die Studien nicht gibt, sollte Werbung nicht zu viel versprechen."

Stand: 26.06.2004


Weitere Themen im Kapitel Risikofaktoren und Prävention:

  Umwelt Ernährung und Brustkrebs:
Risikofaktoren, Vermeidung ("Vorsorge")

  Familiärer Brustkrebs:
Es gibt eine familiäre "Belastung" durch Verwandte ersten Grades für Brustkrebs und Eierstockkrebs. ln seltenen Fällen ist eine Veränderung der sog. Brustkrebsgene dafür verantwortlich. Das kann man heutzutage untersuchen, wenn mehrere Verwandte ersten Grades erkrankt sind. Eine ausführliche Beratung ist erforderlich.

 
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